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Dienstag, 21. März 2017

Rolling Stones "Sister Morphine"

Musik und Drogen bilden in der Vorstellung oftmals eine perfekte Symbiose, die Musikströmung des Psychedelic Rocks ist ohne LSD wohl nur in Teilen vorstellbar. In diesem Beitrag möchte ich mit "Sister Morphine" von den Rolling Stones jedoch einer Droge widmen, die nur bedingt in den Konnex von Sex, Drugs and Rock'n'Roll passt. Die Version, der ich mich hier widme, erschien 1971 auf dem Album Sticky Fingers, verfasst wurde der Text von Mick Jagger, Keith Richards und Marianne Faithfull.
Der Song handelt von der Einahme von Morphium; einem starken Schmerzmittel, welches Nebenwirkungen mit sich bringen kann. Wurde Morphium zu Zeiten seiner Einführung positiv beurteilt, offenbarte sich im Verlaufe der Zeit seine verheerende Suchtwirkung. Diese zeigte sich bspw. in Kriegszeiten, wenn verwundete Soldaten mit dem Mittel behandelt wurden und anschließend mit der Sucht zu ringen hatten. Umfassend thematisiert wird diese Problematik z.B. in Nelson Algrens Roman The Man With The Golden Arm (Link).
Die Rolling Stones personifizieren das Mittel als "Sister Morphine": In ihrem gleichnamigen Lied liegt das lyrische Ich in seinem Krankenhausbett und fragt die fiktive Gestalt der Sister Morphine, wann sie ihn das nächste Mal besucht. Ihre suchtmachende Wirkung kommt dabei direkt in der ersten Strophe zur Sprache. Das lyrische Ich eröffnet mit dem Ausruf "Oh" eine Klage über das Wartenmüssen auf die nächste Dosis, wobei es seine eigene Schwäche als Ursache für die kurze Dauer des Aushaltens ohne neue Dosis benennt: "Oh, I don't think I can wait that long / Oh, you see that I'm not that strong" (Quelle: lyricsfreak.com, Link).
Die starke Wirkung des Morphiums wird als Orientierungsverlust beschrieben, das lyrische Ich verliert sein Ort- und Zeitgefühl. Weiterhin löst es alptraumhafte Halluzinationen aus, es berichtet von Ärzten ohne Gesichter. Diese Effekte werden vom lyrischen Ich jedoch nicht dem Rausch zugeschoben, sondern vielmehr der Entzugswirkung. Eine neue Dosis von "Sister Morphine" würde die Alpträume in Träume verwandeln.
Im Text bleibt dabei unklar, ob das lyrische Ich an den Qualen des Entzugs leidet oder ob es, wie es beschreibt, wirklich im Sterben liegt ("Cause you know and I know in the morning I'll be dead"). Diese Unklarheit kommt im Text selbst zum Ausdruck: "Things are not what they seem". In jedem Fall befindet sich das lyrische Ich in einer aufgebrachten Lage, weswegen es die Cousine des Morphiums, das Kokain, anruft, ihm seine kühlende Hand auf die Stirn zu legen. Die abschließenden Songverse der Ankündigung des morgigen Todes münden folglich in eine Doppeldeutigkeit: Entweder das Morphium soll den Sterbeprozess angenehmer werden lassen; oder der Betroffene hat gegenüber der Morphiumsucht resigniert und wartet nur noch auf den Tod als Konsequenz des Konsums der Droge.
Das lyrische Ich ruft dabei das Morphium an, sich neben ihn zu setzen: "Yeah, and you can sit around, yeah and you can watch all the / Clean white sheets stained red." Auch diese Verse können doppeldeutig gelesen werden: als Bitte um Beistand in den letzten Stunden oder als endgültige Aufgabe vor der Droge. Interessant ist dabei die Formulierung, dass das Morphium zuschauen soll. Im Kontrast zu Beginn des Liedes geht es nicht mehr darum, dass die Droge injiziert werden soll, also Körper und Substanz verschmelzen sollen, um bspw. Alpträume in Träume zu verwandeln. Es zeigt sich vielmehr ein Abstand, eine Distanz zwischen Konsument und Mittel. Diesen würde ich tendenziell eher als Ausdruck der Sucht deuten. Das Morphium berauscht nicht mehr, führt den Konsumenten nicht mehr zu neuen Höhen, sondern dieser liegt vielmehr geschlagen in seinem Sterbebett. Als Opfer vor der Droge, die sich damit als Fremdkörper zeigte, als "Todeslinie", wie ich Gilles Deleuze und Félix Guattari in einem der letzten Beiträge zitierte. Die Unschuld der weißen Laken wird sich in das Rot von Blut einfärben, genau wie die Droge des Morphiums historisch ihre Unschuld als Heilmittel verlor und heutzutage oftmals nur dann zum Einsatz kommt, wenn es keinen anderen Ausweg mehr gibt.
Die musikalische Umsetzung endet dabei in einen langen instrumentellen Part, der den Charakter des Morphiums auf seine eigene Art und Weise verhandelt:
Vollständiger Songtext:
"Rolling Stones – Sister Morphine Lyrics
Here I lie in my hospital bed
Tell me, Sister Morphine, when are you coming round again?
Oh, I don't think I can wait that long
Oh, you see that I'm not that strong

The scream of the ambulance is sounding in my ears
Tell me, Sister Morphine, how long have I been lying here?
What am I doing in this place?
Why does the doctor have no face?

Oh, I can't crawl across the floor
Ah, can't you see, Sister Morphine, I'm trying to score

Well it just goes to show
Things are not what they seem
Please, Sister Morphine, turn my nightmares into dreams
Oh, can't you see I'm fading fast?
And that this shot will be my last

Sweet Cousin Cocaine, lay your cool cool hand on my head
Ah, come on, Sister Morphine, you better make up my bed
Cause you know and I know in the morning I'll be dead
Yeah, and you can sit around, yeah and you can watch all the
Clean white sheets stained red."

Quelle: http://www.lyricsfreak.com/r/rolling+stones/sister+morphine_20118226.html (aufgerufen am 21.03.2016

Mittwoch, 19. August 2015

Disturbed "Fire it up"

In zwei Tagen erscheint das neue Studioalbum Immortalized der amerikanischen Band Disturbed, welches mit dem Song "Fire It Up" ein Lied über den Konsum von Marihuana enthält (s.u.). Ich muss gestehen, dass ich selber nicht erwartet hätte, diese Band jemals im Kontext von Drogenthematiken zu erwähnen. So gehört Disturbed zu den bekanntesten Metalabands der letzten zwei Jahrzehnte, man kann sie grob im Nu Metal verorten (Wikilink zu Nu Metal). Grundsätzlich scheint es mir, dass in der Metalszene das Thema Drogen eher selten angesprochen wird. So gibt es natürlich das typische Rockstarklischee des trinkenden und alle Arten von Drogen konsumierenden Musikers. Typisch hierfür ist bspw. eine Aussage von Motörheads Lemmy, der vor kurzem auf Spiegel Online äußerte, dass er damals (ganz selbstverständlich) "mit allem herumexperimentiert [habe], was so zu bekommen war." (Quelle). Etwas weiter im Interview führt er dann aber auch aus, dass er heutzutage nur noch Alkohol konsumieren würde. Die alterenden Rockstars haben sich also in diesem Sinne professionalisiert.
Diese Professionalisierung scheint mir in der Subszene des Metals noch deutlicher ausgeprägt zu sein. Die aktuellen Metalbands haben wenig mit den Rockstars der 60er bis 80er gemein. So fällt mir auch spontan kein Metallied ein, welches sich explizit mit dem Drogenkonsum beschäftigt und schon gar nicht eine Hymne auf eine Droge wie "Fire It Up" darstellt. Auf der einen Seite hängt das natürlich mit dem Vorurteil der eher düsteren, oft martialischen Lyrics zusammen. Beispielhaft dafür ein Auszug aus Disturbeds vermutlich bekanntesten Liedes "Down with the Sickness": "The world is a scary place / Now that you've woken up the demon ( In me!! )" (Video). Dieser Auszug ist natürlich verzerrend, ich will hier keineswegs die Vorurteile über Metallyrics noch weiter verstärken. Dennoch zeigt sich auf den ersten Blick doch eine gewisse Diskrepanz zum Musikgenre des Reggaes, das zu allererst mit Marihuana assoziiert wird.
Auf der anderen Seite habe ich wie schon angedeutet das Gefühl, dass in der Metalszene der Drogenkonsum eher verschwiegen wird. So wird der Alkoholkonsum zelebriert, andere Drogen sind jedoch nicht präsent. Deutlich werden sie erst, wenn wieder ein Musiker an Drogenkonsum stirbt. Die letzten beiden prominenten Beispielen hierfür waren Paul Gray von Slipknot sowie Wayne Static von Static-X, die beide (mutmaßlich) direkt bzw. indirekt am Drogenkonsum gestorben sind (Quellen zu den Todesursachen von Paul Gray und Wayne Static). Hierdurch bleibt jedoch unklar, wie verbreitet der Drogenkonsum in der Metalszene wirklich ist: Sind Paul Gray und Wayne Static Ausnahmen oder Stereotypen von Metalmusikern? Wie sieht es auf Seiten der Fans aus? Ich hoffe, dass ich noch einmal an anderer Stelle die Metallyrics wie auch die Szene selbst tiefer in den Blick nehmen kann, um Fragen wie diese zu untersuchen. An dieser Stelle bleibt es jedoch bei diesen losen Mutmaßungen, ich würde mich stattdessen abschließend lieber den Lyrics von "Fire It Up" zu wenden.
Der Song beginnt mit den typischen Geräuschen einer blubbernden Bong, bevor die Instrumente und anschließend der Gesang einsetzen. Der Text des Liedes ist im Ganzen sehr einfach gehalten. Im Form eines Parallelismus formuliert das lyrische Ich Konditionalsätze in den Strophen, um auszudrücken, wann es Marihuana konsumiert. Dass es sich um den Konsum mit Marihuana handelt, wird dabei nicht explizit erwähnt. Es lässt sich jedoch aus dem Text erschließen, der somit zugleich auf die verbreiteten Stereotypen der Wirkung von Graskonsum verweist.
So teilen sich die Ziele des Konsums in den Lyrics in zwei thematische Gruppen auf. Auf der einen Seite soll er den künstlerischen Prozess erleichtern. Hier fallen Begriffe wie "inspiration", "illumination" und "other side", um die das lyrische Ich die Substanz gewissermaßen bittet. Dem Marihuana wird also eine besondere Wahrnehmungsqualität zu gestanden, es würde Erlebnisse jenseits der Alltagserfahrungen ermöglichen und damit produktiv auf das künstlerische Arbeiten einwirken. Wichtig aber hier, dass das Gras nicht als ursächlich angesehen wird, sondern lediglich als Hilfsmittel: "So the rhythm can / No longer run and hide." Das Künstler-Ich bleibt der Schöpfer der Kunst, die Droge assistiert ihm lediglich, erleichtert aber seinen Prozess, wie der hymnische Text gewissermaßen selbst beweist.
Die andere thematische Gruppe der Wirkweisen ist eher profan. In diesen Strophen preist das lyrische Ich eher irdische Qualitäten wie "relaxation", "rejuvenation" und "serenity". Hier tritt also deutlich das etablierte Bild des entspannten Kiffers hervor, der die Droge als Entspannung zum Ausgleich des Alltags konsumiert.
Im Ganzen ist auffällig, wie sehr Marihuana hier angepriesen wird. Negative Wirkungen werden nicht einmal im Ansatz beschrieben. Dieses macht in meinen Augen auch das ungewöhnliche des Liedes aus: Mir fällt kein anderes Lied mit harten Gitarrenriffs und stampfenden Drums ein, dass textlich eine klare Marihuanahymne darstellt. Und von Disturbed hätte man es wohl auch kaum erwartet. Die Band scheint sich selbst diesem Umstands klar zu sein, sodass im Video permanent Hanfpflanzen auftauchem, um sicherzugehen, dass sie auch wirklich über Marihuana singen - und in diese Richtung scheint mir auch die Funktion des Bonggeräusches am Anfang des Liedes zu gehen. Ein möglicher Grund dafür, warum Disturbed auf einmal so offensiv mit dem Thema Drogen umgeht, könnte in meinen Augen die gewandelte Stimmung in den USA sein, in denen Marihuana mittlerweile in einer Reihe von Bundesstaaten legalisiert ist. Es gibt also keinen Grund mehr, zumindest in diesen Staaten auf Insidermetaphern oder versteckte Anspielungen zurückzugreifen.

Dienstag, 14. Oktober 2014

Rammstein: "Kokain"

Und noch etwas zum "Schnee auf dem wir alle talwärts fahren" (Falco: "Der Kommissar", 1982), der auch in der Populärkultur umfangreich thematisiert wurde. So hat sich neben vielen anderen Musikern (über die noch zu sprechen sein wird) auch Rammstein mit dem Thema Kokain befasst und unter dem gleichnamigen Titel einen durchaus interessanten Liedtext dazu verfasst. Auffälligstes Merkmal des Textes ist auch die hier stattfindene Dissoziation des Ichs.
Realisiert wird dies durch den Rückgriff auf die Metapher des Spiegels, konkret ist die Rede vom "Vater aller Spiegel", also eine dem lyrischen Ich deutlich überlegenden Macht, die es gefangen nimmt. Im klassischer Verführerpose flüstert es dem lyrischen Ich Schmeicheleien ins Ohr ("du bist das schönste Kind, von allen"); das Kokain wird hier also zum verklärenden Spiegel, der dem realistisch-pessimistischen Ich ein besseres gegenüber stellt und es so bekämpft ("die weiße Fee spannt ihren Bogen / Schießt meiner Sorge ins Gesicht").
Im weiteren Verlauf intensiviert sich das Verhältnis zwischen lyrischem Ich und "weißer Fee" jedoch, die distanzierte Spiegelung entwächst zur gewaltsamen Paarung. Das lyrische Ich wehrt sich im Folgenden zwar noch gegen die Wehen, muss dann aber, in erneut aufgespaltener Perspektive, die Geburt mit verfolgen. Anschließend kommt es durch den Verzehr der Nachgeburt zur größtmöglichen Vereinigung mit Resultat der Verbindung des Ichs mit dem Kokain. Hierdurch (wie auch die Kürzung des Refrains um die ersten beiden Verse) wird im Folgenden der Bezug des Refrains unklar: Ist es noch der Kokainrausch, der zum lyrischen Ich redet? Oder redet das lyrische Ich jetzt vielmehr zu dem eigenen Kind? Im letzteren Sinne könnte der Ausdruck "wie mein Eigenblut" auf die suchtbedingte Selbstentfremdung verweisen, die durch das Spiegelmotiv angedeutet wird und der Ausdruck "Kind" entsprechend als Metapher für die Sucht verstanden werden, die das Resultat der Drogeneskapaden des lyrischen Ichs ist.
Im Ganzen zeigen sich hier also Paralleln zum Gedicht von G. Benn: Der Kokainrausch zeigt sich in Auflösungstendenzen, das Ich entrückt sich selbst, indem es bei Benn formlos und bei Rammstein im Spiegelbild gebrochen wird. Der Text von Rammstein wirkt jedoch deutlich negativer, die Droge wird gewaltätig, quält das lyrische Ich durch die Nacht und vergewaltigt es. Wichtigstes Motiv hierfür ist neben dem Spiegel- das Verführermotiv, der "Vater aller Spiegel" flößt dem lyrischen Ich eine ins Positive verklärte, illusionistische Selbstsicht ein (wichtig hier die zustimmende, gewillte Haltung des Verführten). Als Preis der Vereinigung kommt es zur distanziert wahrgenommenen Geburt eines gemeinsamen Kindes (in diesem Sinne der Sucht), wobei der verzweifelte Akt der Verzehrung der Nachgeburt nicht darüber hinweg helfen kann, dass dieses Kind am Ende nur in der Illusion als (bzw. für das) eigenes Blut gehalten werden kann und nur in dieser das Böse gut ist, welches letztlich wohl seine Essenz ist.

Rammstein: "Kokain"

Sind die Freunde mir gewogen / die weiße Fee spannt ihren Bogen
Schießt meiner Sorge ins Gesicht / und aus den beiden Hälften bricht
Der Vater aller Spiegel

Refrain: er winkt mir und ich beug mich vor / er flüstert leise in mein Ohr
du bist das schönste Kind, von allen / ich halt dich wie mein eigen Blut
du bist das schönste Kind, von allen / In mir ist auch das böse gut

Die Neugier meinen Traum verlängert /die weiße Fee sie singt und lacht
hat gewaltsam mich geschwängert / Und trächtig quält mich durch die nacht
der Vater aller Spiegel

Refrain

und wie ich mich der wehen wehre / auf dem Kindbett noch gehurt
Seh dabei zu wie ich gebäre / und fress' die eigne Nachgeburt

du bist das schönste Kind, von allen / ich halt dich wie mein eigen Blut
du bist das schönste Kind, von allen / In mir ist auch das böse gut

Wdh.

Quelle: http://www.magistrix.de/lyrics/Rammstein/Rammstein-Kokain-111560.html