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Freitag, 14. Oktober 2016

"Foucault — The Lost Interview"

An dieser Stelle erscheint heute mal eine andere Form von Rauschdokument: ein Interview mit Michel Foucault, das selbst über eine ereignishafte Geschichte verfügt. 1971 mit Fons Elders für das niederländische Fernsehen geführt, ging das Rohmaterial durch ein Feuer verloren, bevor es 2012 von Lionel Claris wiederentdeckt und veröffentlicht wurde. Interessant ist das Interview in diesem Zusammenhang, weil Foucault die Drogenthematik anreißt. So führt er aus (wenn ich recht sehe übersetzt gemeinsam von Fons Elders und Lionel Claris):

Structuralists are people for whom what counts in essence are systems of relations and thus not at all the lived individual experience of people… what I do belongs at heart like structuralism to this great questioning of the sovereignity of the subject… Deep down what is the experience of drugs if not this: to erase limits, to reject divisions, to put away all prohibitions, and then ask oneself the question, what has become of knowledge? Do we then know something altogether other? Can we still know what we knew before the experience of drugs? Is this knowledge of before drugs still valid or is it a new knowledge? This is a real problem and I think that in this measure the experience of drugs isn’t marginal in our society, it’s not a sort of little deviance that does not count. It seems to me that it is at the very heart of the problems that the society in which we live – that is to say, in the capitalist society – is confronted with.
Foucault charakterisiert den Drogenrausch in seinen typischen Eigenschaften: Als Auflösung der Grenzen des souveränen Subjekts und Zurückweisung intellektueller Unterteilungen. Auffällig ist dabei die positive Konnotierung des Drogenrausches, so provoziere er eine neue, andersartige Form des Wissens, die dadurch die gesellschaftlich dominanten Erkenntnissformen in Frage stelle. Deutlich wird dabei die zeitgemäße gegenkulturelle Prägung, Angriffspunkt ist der Kapitalismus als unterdrückende Gesellschaftsordnung, gegen die es zu opponieren gelte.
Diese, von den 68ern beeinflusste, euphemistische Aufladung des Drogenrausches zeigt damit indirekt, welche Wandlungen der Drogendiskurs in den folgenden Jahrzehnten erfahren hat. Insbesondere das Aufkommen von Heroin dürfte die Ansicht, dass Drogen eine Befreiuung des Wissens darstellen, nachhaltig beschädigt haben. So kann man andersherum fragen, ob die Drogen nicht, statt weiterhin eine psychedelische Herausforderung für das bürgerliche, kapitalistische Bewusstsein zu sein, vielmehr vom Kapitalimus vereinahmt wurden. Insbesondere Heroin wurde zu einem Produkt zwischen Angebot und Nachfrage, es bildeten sich marktähnliche Strukturen und Geld wurde zum treibenden Faktor der Verbreitung bzw. politischen Duldung der Substanz. Zweifellos ist dies keine neue Entwicklung gewesen, doch ist auffällig, wie deutlich der Bruch zwischen gegenkultureller Strömung und "Drogenkriegernüchterung" war.
Abgesehen von dieser gesellschaftlichen Entwicklung korrespondieren Foucaults Ausführungen zur Droge als Problem für den Strukturalismus auf theoretischer Ebene mit den Ausführungen anderer zeitgenössischer Denker. Gilles Deleuze und Félix Guattari problematisieren in ihrem Werk Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie die Droge als Bruch mit hierarchischen Wissensstrukturen und als Eröffnung einer Fluchtlinie. Im Gegensatz zu Foucault herrscht bei ihnen jedoch eine deutliche Skepsis vor, die Droge hat ihre gegenkulturelle, revolutionäre Kraft eingebüßt: "Statt einen organlosen Körper zu erzeugen, der voll oder reich genug für den Durchlaß von Intensitäten ist, schaffen die Drogen einen leeren oder gläsernen Körper, einen von Krebs befallenen Körper: die kausale Linie, die kreative Linie oder Fluchtlinie verwandelt sich sofort in eines Todeslinie, eine Linie der Vernichtung." (Deleuze, Gilles; Guattari, Félix: Kapitalismus und Schizophrenie. Tausend Plateaus. Merve Verlag: Berlin 1997; S. 388.)

So viel aber nur am Rande, das vollständige (d.h. die übriggebliebenen Fragmente) des Interviews mit Foucault finden sich hier:
Quelle: https://www.youtube.com/watch?v=qzoOhhh4aJg#t=524 (zuletzt aufgerufen am 14.10.2016)  
 

Mittwoch, 20. Januar 2016

Sprache als Holzweg

Bisher ist der Blog mehr oder minder gefüllt mit konkreten Rauschthematisierungen, ich würde mir mit diesem Post jedoch gerne auch mal (ausnahmsweise) die Freiheit nehmen, über Abstraktes zu sprechen. Der folgende Text ist in dem Sinne eher als ein freies Schweifen der Gedanken zu verstehen; er hängt jedoch maßgeblich mit dem Rausch zusammen, da er eine Frage behandelt, auf die ich beim Rausch immer wieder treffe: Wie weit lässt sich die Grenzerfahrung Rausch in der Sprache abbilden? Kann man vom Rausch sprechen? Oder öffnet er Risse jenseits der Sprache?

Heidegger nennt eine seiner Schriften Holzwege; ich weiß nicht warum er diesen Titel wählte, nicht was in dieser Schrift steht, noch weiß ich woher im Deutschen die sprichwörtliche Bedeutung des Begriffs als Irrweg kommt. Aber ich stelle mir den Holzweg als Bild für die Sprache vor. Ganz konkret gedacht, etwa als hölzener Weg über eine Düne zum Strand. Er passt in unsere Zeit des sehnsuchtsvollen Schauens zum Landleben, zum zurück zur Natur. Wie wir ihn barfuß begehen, seine wohlige Wärme an lauen Sommernächten spüren. Oder seine von der hergewehten Gischt erzeugte, kühlende Feuchtigkeit an heißen Sonnentagen. Wie seine raue, aber geglättete Salzkruste sanft unsere Fußsohlen drückt. Und neben diesem sinnlichen Abwandern führt uns der hölzerne Weg zum Meer, überwinden wir mit ihm die Düne und erhalten einen Blick auf den offen daliegenden Horizont. Mit ihm gelangen wir an das Ende der begehbaren Welt, schreiten leicht erhöht durch die Welt, wie auf einer Aussichtsplattform.
Diese Erhöhung distanziert uns aber zugleich, wir stehen nicht mit den Füßen auf dem Boden. Zwar ist Holz ein natürlicher Stoff, aber für den Weg ist es entwurzelt, zurecht geschlagen, geformt, Kultur geworden. Es enthebt uns minimal dem Sand und der hölzerne Weg führt uns. Geplant, konstruiert und umgesetzt wurde ihm ein Ziel gegeben. Vermutet als die beste und kürzeste Strecke direkt zum Meer, zum Horizont. So haben wir ein Ziel; und einen Ausgangspunkt, einen Weg vor und zurück. Er ermöglicht Rückkehr und gemeinschaftliches Gehen. Würden wir im Sand gehen, würden unsere Fußspuren vom Wind, vom Meer getilgt werden. Irgendwo, wohl dissonant, hallt hier Foucaults Bild nach, vom Verschwinden des Menschen wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand. Ohne den Holzweg bliebe nur Vergessen.
Das konstruierte Holz wurde schon verkannt, am berühmtesten wohl als trojanisches Pferd. Die Trojaner verkannten seine zielgerichtete Konstruktion, im dionysischen Siegestaumel wurde es ihr Verhängnis. Odysseus überschätze die Konstruktion, ohne Götterdank verlor er den Weg. Wie ein trojanisches Pferd schieben wir die Sprache in die Welt. Müssen wir also den Göttern danken? Vielleicht wäre der Dank ein Holzweg in den Horizont, vielleicht reicht schon das Kribbeln der Fußsohlen als Antrieb weiter voran und das Wissen um die mögliche Rückkehr.